Kindheitserinnerungen – Narrative im Erinnerungsdialog von Grundschüler*innen mit alten Menschen aus der DDR

„Und meine Mama hat mir zum Beispiel gesagt, wenn ihre Tante mal aus Westen rüber kam, dann haben sie sich immer total gefreut, weil sie leckere Schokolade essen durften.“ In einem Gespräch mit ihrer Mutter hat die 10-jährige Lisa über die DDR gesprochen. Was möchten Zeitzeug*innen aus der DDR heutigen Kindern über ihr Leben, die DDR und die deutsch-deutsche Geschichte mitgeben? Die Fallstudie geht dieser Frage mittels einer qualitativ-empirischen Untersuchung nach.

Kinder erlangen Wissen über die DDR besonders häufig aus Gesprächen mit Familienmitgliedern (u.a. Moller, 2008; Peuke, 2024) – dies gilt auch für Jugendliche (u.a. Deutz-Schroeder & Schroeder 2008; Haag, 2018; Klausmeier, 2020). Für die erste Beschäftigung mit der DDR in der Grundschule wird auch in Schulbüchern immer wieder vorgeschlagen, Menschen, die in der DDR gelebt haben, als Zeitzeug*innen zu ihrem Leben zu befragen (bspw. Umweltfreunde, 2017; Schlag nach im Sachunterricht, 2017). Bislang blieb dabei offen, was Zeitzeug*innen Kindern und Jugendlichen in solchen Gesprächen eigentlich erzählen und wie diese Gespräche konkret ausgestaltet werden.

Vor dem Hintergrund eines „tripolaren Kräftefelds“ der DDR-Erinnerung (Sabrow, 2009) und der bildungspolitischen Einbindung der DDR-Geschichte in die Demokratiebildung (BKM, 2012) erscheint die Frage nach den erzählten Erinnerungen in Gesprächen zwischen den Generationen besonders relevant. Nach Sabrow (2009) bewegt sich die Erinnerung an die DDR zwischen Diktaturgedächtnis, Arrangementgedächtnis und Fortschrittsgedächtnis. Das Diktaturgedächtnis fokussiert den repressiven Charakter des politischen Systems, während das Arrangementgedächtnis stärker die Erinnerungen der ehemaligen DDR-Bürger*innen in den Blick nimmt (ebd.). Das Fortschrittsgedächtnis bezieht sich auf Dinge des DDR-Sozialismus, die überdauern sollten und greift beispielsweise die Rolle der Frau auf (ebd.). Diese drei Dimensionen können dahingehend erweitert werden, dass auch implizites Wissen in Routinen und Verhaltensgewohnheiten sowie materielle Erinnerungsobjekte Erinnerungen prägen (Haag, Heß, Leonhard, 2017). Dabei ist die Kommunikation über die DDR nach wie vor durch einen Ost-West-Vergleich und die Frage nach „Gewinnern“ und „Verlierern“ der Systemtransformation ( → Wende / Transformation) geprägt (ebd.). Bisherige Studien zur Erinnerung an die DDR verdeutlichen einen zentralen Aspekt: Während in der öffentlichen Erinnerung der Fokus auf dem Diktaturcharakter liegt, wird in der privaten Erinnerung vorwiegend das Alltagserleben thematisiert (u.a. Haag, 2018; Heß, 2014). Damit stehen sich zwei zentrale Erinnerungsdimensionen gegenüber, die sich teilweise stark voneinander unterscheiden. Für die historisch-politische Bildungsarbeit ist es also von Bedeutung, diese unterschiedlichen Erinnerungsdimensionen in den Blick zu nehmen und miteinander zu verbinden.

Ausgehend von der Leitfrage, was von älteren Menschen aus der DDR in der Kommunikation mit Grundschulkindern als erzählrelevant angesehen wird, wurden in der Fallstudie Interviews von Kindern mit DDR-Zeitzeug*innen vertieft untersucht. Hierfür wurden zunächst bestehende Daten aus dem Projekt „jung fragt alt"1 analysiert. Diese umfassten 22 Interviews von 9- bis 13-jährigen Kindern mit Menschen aus einem Senior*innenheim aus Ost-Berlin. Es zeigte sich, dass die sehr alten Menschen in den Gesprächen vorwiegend ihre Kindheit im Zweiten Weltkrieg thematisierten und, obwohl sie dort einen Großteil ihres Lebens verbracht haben, die DDR nahezu gar nicht aufgriffen. Daher wurden 33 neue Interviews mit jüngeren Zeitzeug*innen (ab 1950 geboren) durchgeführt. Die hier beteiligten Kinder haben die Fragen der Interviews selbst entwickelt und wurden durch Studierende des Grundschullehramts im Fach Sachunterricht der Humboldt-Universität zu Berlin (HUB) bei der Durchführung begleitet.

Alle Interviews wurden nach der Dokumentarischen Methode (vgl. Nohl, 2012) ausgewertet. Die Ergebnisse der Studie verdeutlichen, dass die Zeitzeug*innen mit unterschiedlichen Intentionen in die Gespräche gehen und den Kindern gezielt etwas mitgeben möchten. Ein Thema taucht besonders häufig auf: Die eigene Kindheit wird von den älteren Menschen aus der DDR in Abgrenzung zu heutiger Kindheit beschrieben. Die Gegenwart dient hier als Vergleichsschablone. Dabei verbleiben DDR-spezifische Themen auf einer eher schablonenhaften, beschreibenden Ebene, das unpolitische Alltagserleben steht im Fokus, während das Politische kaum thematisiert wird.

Um herausarbeiten zu können, inwiefern auch die eher unspezifischen Alltagserzählungen DDR-Bezug aufweisen oder ob sie eher generational bedingt sind, werden in der zweiten Förderphase Narrative von Menschen, die zu Teilungszeiten in Westdeutschland gelebt haben, in den Blick genommen. Dies ermöglicht einen Vergleich mit den bisher erhobenen Narrativen. Zudem bietet sich so die Gelegenheit, die erzählten Erinnerungen auch hinsichtlich ihrer Einordnung in eine gesamtdeutsche Geschichte zu betrachten.

Fußnoten
  • [1]

    Das Projekt „jung fragt alt“ des Kinderring e.V. wurde durch eine Filmemacherin begleitet. Die daraus entstandenen Dokumentationen sind online einsehbar, u.a. der Film zum Projektabschluss: https://www.youtube.com/watch?...

Literatur
  • Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) (Hrsg.) (2012): Bericht der Bundesregierung zum Stand der Aufarbeitung der SED-Diktatur. (Abruf 14.06.2024: https://www.bundesregierung.de...).

  • Deutz-Schroeder, M. & Schroeder, K. (2008): Soziales Paradies oder Stasi-Staat? Das DDR-Bild von Schülern - ein Ost-West-Vergleich. 1. Aufl. Stamsried: Vögel.

  • Haag, H. (2018): Im Dialog über die Vergangenheit. Tradierung DDR-spezifischer Orientierungen in ostdeutschen Familien. Wiesbaden: Springer VS.

  • Haag, H., Heß, P. & Leonhard, N. (Hrsg.) (2017): Volkseigenes Erinnern. Die DDR im sozialen Gedächtnis. Wiesbaden: Springer VS.

  • Heß, P. (2014): Geschichte als Politikum: öffentliche und private Kontroversen um die Deutung der DDR-Vergangenheit. 1. Aufl. Baden-Baden: Nomos.

  • Jung, E./ Kiesinger-Jehle, B./ Wayand, S./ Manchen-Bürkle, B./ Müller, S./ Petruschka, A. (2017): Schlag nach im Sachunterricht 3/4. Schülerband. Ausgabe Baden-Württemberg. Berlin: Cornelsen.

  • Klausmeier, K. (2020): „So eine richtige Diktatur war das nicht ...“ Vorstellungen Jugendlicher von der DDR. Geschichtspolitische Erwartungen und empirische Befunde. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

  • Koch, I. (2017): Umweltfreunde 1. Handreichung für den Unterricht mit Kopiervorlagen. Ausgabe Thüringen. Berlin: Cornelsen/Volk und Wissen.

  • Moller, S. (2008): Eine Fußnote des Geschichtsbewusstseins? Wie Schüler in Westdeutschland Sinn aus der DDR-Geschichte machen. In: Barricelli, M. & Hornig, J. (Hrsg.): Aufklärung, Bildung, „Histotainment“? Zeitgeschichte in Unterricht und Gesellschaft heute. Frankfurt a.M. u.a.: Lang, S. 175–187.

  • Nohl, A.-M. (2012): Interview und dokumentarische Methode: Anleitungen für die Forschungspraxis. 4., überarb. Aufl. Wiesbaden: Springer VS.

  • Peuke, J. (2024): Was bleibt - die DDR aus der Perspektive von Kindern. Eine qualitative Studie zum historisch-politischen Lernen im Sachunterricht. Wiesbaden: Springer.

  • Sabrow, M. (Hrsg.) (2009): Erinnerungsorte der DDR. München: Beck.

Ergebnisse

Kinder sollten in der DDR zu ‚sozialistischen Persönlichkeiten‘ gebildet werden. Wie beschreiben Zeitzeug*innen ihre Kindheit in der DDR gegenüber heutigen Kindern?

Die Kinderzeitschrift "Bummi" erschien von 1957 bis 1989 im Verlag "Junge Welt".

Die Pionierorganisation Ernst-Thälmann war eine politische Massenorganisation für Kinder...

Team
Prof. Dr. Detlef Pech

Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Erziehungswissenschaften
Arbeitsbereich Sachunterricht & seine Didaktik
Orcid-Nr.: 0000-0002-5491-0021

detlef.pech@hu-berlin.de
Julia Peuke

Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Erziehungswissenschaften
Arbeitsbereich Sachunterricht & seine Didaktik
Orcid-Nr.: 0009-0007-9077-9589

julia.peuke@hu-berlin.de