Zeitstrahl einer langen Bildungsgeschichte der DDR
Der hier präsentierte Zeitstrahl versteht sich als offenes Arbeitsinstrument. In ihm sind die verschiedenen Forschungsthemen und -gegenstände der Verbundforschungsprojekte abgebildet, nicht aber der Anspruch, eine vollumfängliche integrierte Darstellung der gesamten Bildungsgeschichte der DDR zu präsentieren. Vielmehr liefern die Forschungsergebnisse der einzelnen Fallstudien im Rahmen einer langen Bildungsgeschichte der DDR relevante Kontexte für die jeweils anderen Fallstudien. Der Zeitstrahl zeigt exemplarische Perspektiven auf, macht methodische Vielfalt sichtbar und lädt dazu ein, eigene Lesarten und Umgangsweisen mit der Geschichte zu entwickeln. In seiner vorläufigen Form soll er als Werkzeug zur Reflexion und Diskussion dienen – um über Periodisierungen, Leerstellen, Überschneidungen und das Zusammenspiel unterschiedlicher Forschungsansätze in einer langen Bildungsgeschichte der DDR ins Gespräch zu kommen.
Wie Sie den Zeitstrahl nutzen und sich innerhalb des grafischen Elements bewegen können, zeigt Ihnen das unter dem Zeitstrahl eingebettete Screencast-Video. Zusätzliche Hinweise zum Zeitstrahl als Medium und Methode der Forschungsarbeit sowie zu Periodisierungen der Bildungsgeschichte der DDR finden Sie ebenfalls weiter unten auf dieser Seite.
Bedienungshinweise (Screencast-Video)
In der obersten Filterleiste können Sie die Kategorien (Personen, Gesetze und Beschlüsse etc.) des Zeitstrahl an- und abwählen. Mithilfe der Zoom-Funktion können Sie den in der Ansicht sichtbaren Zeitraum verändern. Wenn Sie in den Weißraum des Zeitstrahls klicken und die Maustaste gedrückt halten, können Sie die Ansicht nach links und rechts verschieben. Für eine bessere Sicht sich überlappender Karten zoomen Sie auf die Jahresansicht und klicken Sie auf die Karte, die sie lesen wollen. Wollen Sie die Ansicht der Karten auf ihren Ursprungszustand zurücksetzen, zoomen Sie entweder wieder auf die Dekadenansicht oder klicken Sie in den Weißraum und die Karten überlappen sich wieder wie in der Ursprungsansicht.
Zeitstrahl als Forschungsmedium und -methode
Zeitstrahlen dienen seit Langem dazu, historische Ereignisse und ihre Abfolgen darzustellen. Als visuelle Muster ermöglichen sie es, komplexe Zusammenhänge zeitlich strukturiert darzustellen und verständlich zu machen. In ihrer klassischen, statischen Form helfen sie so dabei, eine zeitliche Ordnung einprägsam zu vermitteln. Doch Zeitstrahlen können auch als Ausgangspunkt wissenschaftlicher Kommunikation dienen: Wenn sie zum Anlass für Diskussion und Austausch werden, eröffnen sie neue Formen kollaborativer Forschung. Durch die Visualisierung, Relationierung und räumliche Anordnung von Daten lassen sich unterschiedliche Wissensbestände und Perspektiven – etwa aus Einzelstudien innerhalb interdisziplinärer Forschungsprojekte wie hier – in ein gemeinsames Bezugssystem überführen.
Ein dialogischer, ergebnisoffener Umgang mit Zeit durch ‚timeline-thinking practices‘ (vgl. Lindgren & Backman-Prytz, 2025) ermöglicht es, die zeitlichen Strukturen unterschiedlicher Studien selbst zum Thema sowie dabei gemeinsame Bezugspunkte und Differenzen verschiedener Periodisierungsvorschläge sichtbar zu machen. So können Zeitstrahlen nicht nur dazu beitragen, Ergebnisse für ein breiteres Publikum sichtbar und nachvollziehbar zu machen, sondern sie können auch innerhalb von Forschungsverbünden als Index und Arbeitsinstrument fungieren. Der hier abgebildete Zeitstrahl ist in diesem Sinne Medium und Methode der Verbundforschung über eine lange Bildungsgeschichte der DDR. Im Rahmen einer Workshopserie wurde er gemeinschaftlich konzipiert, strukturiert, reflektiert und überarbeitet. Wichtig war dabei, nicht schon vorweg und von einer besonderen Untersuchungsperspektive ausgehend eine zeitliche Ordnung zu unterstellen. Der Forschungsverbund möchte mit der Präsentation des Ergebnisses in dieser Form eine Art der reflektierten, kollaborativen Erarbeitung von Zeiteinteilungen und -ordnungen innerhalb der DDR-Bildungsgeschichte offenlegen, die sich ihrer Grenzen und der Kontingenz der je vorgenommen Einteilungen bewusst bleibt.
Zeiteinteilungen und die Bildungsgeschichte der DDR
Es ist ein zentrales Interesse historischer Forschung, durch Zeiteinteilungen historische Phänomene zeitlich zu ordnen und zueinander in ein Verhältnis zu setzen (vgl. Koselleck, 1989). Den Zeiteinteilungen liegen dabei erkenntnisleitende Perspektiven zugrunde, die die jeweiligen einzelnen Ereignisse, Prozesse und Strukturen überhaupt erst in einen denk- und erkennbaren Zusammenhang stellen. Gerade hinsichtlich der vorgenommenen und erzählten – mithin unterstellten – Strukturierung der vergangenen Zeit beinhaltet historische Forschung Deutungsleistungen. Historische Prozesse verlaufen selten linear: sie überlagern sich, knüpfen an Vorheriges an und wirken lange nach. Tiefgreifende Veränderungen in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik verlaufen über lange Zeiträume und lassen sich nicht punktgenau an einem einzelnen, bestimmten Ereignis, wie etwa der Verabschiedung einer Verfassung festmachen. Wenn Historiker*innen in ihrer Forschungsarbeit also vergangene Zeit in Phasen und Etappen untergliedern und Ereignissen und Prozessen so eine erzählbare Form geben, „tun [sie] dies nicht in penibler Deduktion aus angeblich für sich selbst sprechenden ‚Fakten‘“ (Osterhammel, 2006, S. 47). Vielmehr werden verschiedene Aspekte des Zusammenlebens der Menschen in der Geschichte – etwa gesellschaftliche, rechtliche und ökonomische Verfasstheiten, Erscheinungsformen von Religion oder die Entwicklung des Wissens, der Künste und Technik mit sich ändernden Formen des Alltagslebens – herangezogen, um ganze Epochen oder einzelne Phasen innerhalb größerer Zeiträume zu charakterisieren, sie anhand bestimmter Zäsuren – z. B. Revolutionen oder Kriege – voneinander abzugrenzen und in ihren Verläufen zu beschreiben.
Je nach eingenommener Perspektive, verwendeten Forschungsansätzen und untersuchtem Thema oder Gegenstand, stellen sich auch die Einschätzungen von Zeitverläufen in der DDR-Bildungsgeschichte unterschiedlich dar. In der Forschung zur DDR-Bildungsgeschichte sind Phaseneinteilungen entlang politischer Zäsuren verbreitet: eine Aufbauphase ab 1949, eine Stabilisierungsphase bis etwa 1970/71 und krisenhafte Entwicklungen bis 1989. Die Phasenwechsel werden dabei häufig „dekadologisch“ markiert. Sie lehnen sich an die im Alltag übliche Gliederung der Zeit in Jahrzehnte an (Doering-Manteuffel & Raphael, 2012, S. 25). Alternativ wird die Mitte der 1960er Jahre als bildungshistorischer Wendepunkt gesehen: 1965 trat das „Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem“ in Kraft, das eine Struktur des Bildungssystems einführte, die bis zum Ende der DDR im Wesentlichen Bestand hatte. Die in unserem Projektverbund beforschten Aspekte der DDR-Bildungsgeschichte weisen Verwicklungen und Bezüge auf, die das politisch-juristische Bestehen der DDR zwischen 1949 und 1989 überschreiten, weshalb wir von einer „langen Bildungsgeschichte der DDR“ sprechen. Dazu zählen Bezüge zu einer pädagogischen Tradition in Deutschland, die mindestens bis in die „Sattelzeit“ (ca. 1750–1850; vgl. Koselleck, 1989), oft aber auch noch länger zurückreichen. Auf der anderen Seite können wir in der Perspektive einer „langen Geschichte der ‚Wende‘“ (vgl. Brückweh, 2020) Veränderungen nach 1989 erkennen, die sich bereits weit vor der „Wende“ um 1989 anbahnten – jedenfalls, wenn man von heute aus zurückblickt – und Auswirkungen weit danach haben.
Exemplarische Lesarten
Aufgrund der Unterschiedlichkeit der Forschungsthemen und -gegenstände wurden im Verbund auch unterschiedliche methodische und methodologische Ansätze verfolgt. Daher lassen sich in den im Zeitstrahl notierten Datenpunkten auch verschiedene Modi der Betrachtung finden: einerseits der Modus der Oral History1, orientiert an Erinnerungen von Zeitzeug*innen sowie an individuellen Wahrnehmungen und kulturellen Deutungen von Geschichte; andererseits der Modus der historischen Forschung als Rekonstruktion von Geschichte anhand von Daten, Quellen und Artefakten. Bei der Betrachtung des Zeitstrahls lässt sich also fragen: welcher Lesart ist zu folgen? Wo ist anzufangen? Der „Ballungsraum” der Inhalte um 1960–1970 könnte etwa aufgrund der Darstellungsweise und unserer forschungspraktischen Setzungen als wichtige Zeit verstanden werden. Der Zeitstrahl und dessen Inhalte sind aber nicht zuletzt auch Artefakte unserer Forschung. Wichtige prozesshafte Entwicklungen aus der DDR-Bildungsgeschichte wie sie hier visualisiert werden, sind darüber hinaus nicht unmittelbar aus dem Zusammenhang erkennbar und wir weisen im Sinne von beispielhaften Lesarten hier auf sie hin:
- Verlauf der Entwicklung von Bildsprache in Illustrationen (lila Karten, 1945–1980er)
- Entwicklung der Forschung zu Unterrichtlaboren und -mitschauanlagen (grüne Karten, 1965–1986)
- Verlauf der internationalen Bildungszusammenarbeit mit der mosambikanischen Freiheitsbewegung FRELIMO (orange Karten, 1960–1979)
- Allgemein geschichtlich relevante Ereignisse vs. individuell erinnerte, biographisch relevante Ereignisse (graue Karten vs. blaue Karten, gesamter Zeitraum)
- Einfluss der Gegenwart auf die Erinnerungen von Zeitzeug*innen (gelbe Karten am rechten Rand des Zeitstrahls)
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Dazu sei erwähnt, dass nicht in allen erzählten Erinnerungen Bezüge zu kollektiv bedeutsamen Ereignissen gemacht wurden. Stattdessen wurde vorrangig das Alltagserleben in den 1960er- bis 1980er-Jahren beschrieben. Unterschiedliche Erzählungen zu den unterschiedlichen Jahrzehnten waren dabei interessanterweise auch nicht auszumachen. Im Rahmen der hier im Zeitstrahl aufgeführten Erinnerungen aus autobiographischen Erzählungen und Zeitzeug*inneninterviews konnten darüber hinaus einige für die DDR-Geschichte und autobiographische Erinnerungen daran wichtige Ereignisse nicht aufgeführt werden, weil sie nicht unmittelbar etwas mit Bildung, Erziehung, Kindheit und Jugend zu tun hatten, etwa die Inhaftierung politischer Gefangener in ehemaligen Konzentrationslagern und Bautzen.
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Brückweh, K. (2020): Die lange Geschichte der „Wende“ – Lebenswelt und Systemwechsel in Deutschland vor, während und nach 1989. In: Deutschland Archiv, 08.09.2020. (Abruf 26.05.2024: https://www.bpb.de/themen/deut...).
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Doering-Manteuffel, A. & Raphael, L. (2012): Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970. 3. Aufl. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
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Koselleck, R. (1989): Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
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Lindgren, A. & Backmann-Prytz, S. (2025): Timeline-Thinking Practice for Interdisciplinary Child Studies Research: The Case of School Sex Education. In: Barn, 42, 1-2, S. 45–61.
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Osterhammel, J. (2006): Über die Periodisierung der neueren Geschichte. In: Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (Hrsg.): Berichte und Abhandlungen, Bd. 10. Berlin: Akademie Verlag, S. 54–64.