Quellenfokus:
Unterrichtsfilme

Die Organisation von Produktion und Vertrieb der DDR-Unterrichtsfilme wurde staatlich gesteuert und detailliert kontrolliert.

Es gibt zwei Lehrfilme über den Geiger-Müller-Zähler, 1962 herausgegeben vom Deutschen Zentralinstitut für Lehrmittel der DDR, die für den Physikunterricht der 10. Klassen vorgesehen waren. Der erste Film veranschaulicht und erklärt die Bestandteile des Zählrohrs und ihre Funktion. Der zweite Film zeigt die Bedienung und den Einsatz des Zählrohrs. Im zweiten Film, der etwas länger als sieben Minuten ist, agieren unterschiedliche erwachsene Personen und weiße Mäuse. Es werden verschiedene Einsatzszenarien in Laborforschung, Militär und Medizin demonstriert. Die handelnden Personen tragen zumeist weiße Kittel und sind dadurch visuell als Ärzt:innen oder Laborant:innen gekennzeichnet. In einer Szene tastet ein Soldat der Nationalen Volksarmee der DDR in Kampfuniform und Gasmaske mit dem Zählrohr ein Militärfahrzeug ab. Der Physikunterricht sollte vor allem Jungen auf ihren Militärdienst vorbereiten. Nur eine Person wird im Film etwas individueller gezeigt. Es ist eine junge Frau in dunkler Kleidung, mit schön frisierten Haaren. Während sie im Bild von Ärzten medizinisch untersucht wird, nennt sie der Kommentator im Voiceover 'Patientin‘.
Filmstill aus dem Lehrfilm "Geiger-Müller-Zähler II. Inbetriebnahme und Anwendung" (Deutsches Zentralinstitut der Lehrmittel DDR, 1962) Quelle

Grundsätzlich war der Lehrmittelbereich in der DDR zentral und ab den 1970er Jahren nach Unterrichtsfächern organisiert. Das 1950 gegründete „Zentralinstitut für Film und Bild in Unterricht, Erziehung und Wissenschaft“ war zuständig für Schule, Berufsschule und Hochschule. Die Aufgaben des Zentralinstituts waren vielfältig. Zu ihnen gehörten die Planung, Produktion und Prüfung von Filmen, Lichtbildern, Schallplatten und Tonbändern, das Erteilen von Forschungsaufträgen und die Erarbeitung von Richtlinien zum Medieneinsatz. Zusätzlich führten die Institutsmitarbeitenden Fortbildungsveranstaltungen für Lehrende durch.

  • 1950

    Zentralinstitut für Film und Bild in Unterricht und Wissenschaft

  • 1954

    Deutsches Zentralinstitut für Lehrmittel (DZL)

  • 1962

    Deutsches Pädagogisches Zentralinstitut (DPZI)

  • 1964

    Institut für Film, Bild und Ton (ifbt)

  • 1970

    Institut für Unterrichtsmittel (IU) der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR (APW)

  • 1970

    Zentralstelle für Rationalisierungsmittel der Lehreraus- und Weiterbildung (ZRL)

In den folgenden Jahrzehnten erfolgten mehrere Umstrukturierungen und Namensänderungen. So wurde 1964 zunächst die Unterrichtsfilmproduktion für das Hoch- und Fachschulwesen ausgegliedert und als „Institut für Film, Bild und Ton“ neu institutionalisiert. Sechs Jahre später, 1970, wurde dann mit der Gründung der „Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR“ (APW; → ) ein Institut für Unterrichtsmittel eingerichtet, das bis zum Ende der DDR bestand. Im selben Jahr wurde auch die „Zentralstelle für Rationalisierungsmittel der Lehreraus- und -weiterbildung“ an der Pädagogischen Hochschule Erfurt eingerichtet, die analog zur APW Forschungs- und Entwicklungsaufgaben im Bereich übernahm.

Beiheft zum Lehrfilm "Entwicklung der Bohne", Neupert, 1979, S. 14-15
Beiheft zum Lehrfilm "Entwicklung der Bohne", Neupert, 1979, S. 16-17
Beiheft zum Lehrfilm "Entwicklung der Bohne", Neupert, 1979, S. 18-19

Die Unterrichtsfilme wurden in Zusammenarbeit mit Fachdidaktiker*innen (→ ) und Wissenschaftler*innen im Studio für populärwissenschaftliche Filme oder im Studio für Dokumentarfilme der staatlichen Filmgesellschaft DEFA (Deutsche Film AG) der DDR in Babelsberg hergestellt. Filmträgermaterial der DDR-Unterrichtsfilme, das heißt für den Unterricht an DDR-Schulen hergestellte und zugelassene Unterrichtsfilme, war zumeist 16mm-Azetatfilm (seltener 8mm). Die Unterrichtsfilme variieren in ihrer Länge von 4 bis zu 10 oder gar 15 Minuten und mussten von den Lehrkräften in die Unterrichtsstunde eingebunden werden. Zur Unterrichtsvorbereitung sollten sie die zu jedem Film herausgegebenen Beihefte nutzen.

Der Unterrichtsfilm im Komplex mit anderen Unterrichtsmitteln der DDR

In der DDR wurde ab den 1960er Jahren der Versuch unternommen, Unterricht nicht nur auf das Lehrbuch zu stützen, sondern systematisch durch ein vernetztes Mediensystem zu gestalten. Dies geschah unter dem Einfluss kybernetischer und systemtheoretischer Denkweisen, die auch in die Schulpolitik Einzug hielten. Verschiedene Unterrichtsmittel – wie Schulbuch, Filme oder Arbeitsblätter – wurden dabei als Bestandteile eines umfassenden „Unterrichtsmittelsystems“ betrachtet. 

Entwurf für eine Folie aus einer Dissertation zu Unterrichtsmittelkomplexen in Fizia, 1977, Anhang S. 19

Der Fokus lag auf ihrer didaktisch sinnvollen Kombination:

„Der Systemcharakter der sozialistischen Allgemeinbildung, die Auswahl, Anordnung und Strukturierung des Unterrichtsstoffes, besonders aber die angestrebten didaktischen Systemlösungen verlangen auch die Gestaltung und Nutzung dementsprechender Systeme von Unterrichtsmitteln.“

(Topp, 1973, S. 38)

Der Mathematiker und Pädagoge Vladimir Boltyansky lieferte das sowjetische Vorbild: durch wissenschaftlich fundierte, altersgerechte und methodisch konsistente Medienkombinationen sollte der Lernerfolg gesteigert werden. Die „Unterrichtsmittelkomplexe“ der 1970er Jahre verfolgten das Ziel, Unterricht planbarer, effektiver und rationalisierter zu gestalten.

Entwurf für ein Tafelbild aus einer Dissertation zu Unterrichtsmittelkomplexen von Fizia, 1977, Anhang S. 18

Allerdings war insbesondere der Einsatz von Unterrichtsfilmen in der Praxis mit zahlreichen Hürden behaftet. In einer groß angelegten Studie von Heidemarie Fizia (1977) zu einem Unterrichtsmittelkomplex für den Biologieunterricht stellte sich beispielsweise heraus, dass viele Filme kaum eingesetzt wurden – teilweise mangels Kopien, oft wegen ihrer Länge oder fehlender didaktischer Passung, aber auch wenn Lehrkräfte nicht ausreichend angeleitet oder überlastet waren: „So werden UM eingesetzt, die zwar den physischen Kraftaufwand des Lehrers niedrig halten, aber an der konkreten Stelle des Unterrichtsprozesses ungünstig oder sogar vollkommen ungeeignet sind“ (ebd., S. 283). Insbesondere, wenn die Lehrkraft die methodische Anleitung zum Einsatz nicht beachtete, blieb die gewünschte Wirkung aus: „Das entwickelte Unterrichtsmittelsystem führte ohne Einsatzvorgabe zu keinen bedeutsamen Leistungsunterschieden [...]. Erst die richtige Integrierung der Unterrichtsmittel in den pädagogischen Prozess führt zu echtem Wissenszuwachs“ (Fizia, 1976, S. 7). Diese Herausforderungen führten in den 1980er Jahren zu einem Wandel – weg vom rigiden Systemdenken hin zu einem flexibleren Umgang mit Unterrichtsmitteln.

Literatur
  • Fizia, H. (1976): Untersuchungen zur Gestaltung, zum Einsatz und zur Wirkung eines Unterrichtsmittelkomplexes bei der Behandlung der Stoffeinheit "Sinnes- und Nervenfunktionen" im Biologieunterricht der Klassen 8 der allgemeinbildenden Oberschulen der DDR. Thesen (Diss.). Halle: Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg.

  • Fizia, H. (1977): Untersuchungen zur Gestaltung, zum Einsatz und zur Wirkung eines Unterrichtsmittelkomplexes bei der Behandlung der Stoffeinheit "Sinnes- und Nervenfunktionen" im Biologieunterricht der Klassen 8 der allgemeinbildenden Oberschulen der DDR. (Diss.). Halle: Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg.

  • Neupert, D. (1979): Entwicklung der Bohne. Berlin: Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der Deutschen Demokratischen Republik, Institut für Unterrichtsmittel.

  • Topp, E. (1973): Zur Funktion, Nutzung und Weiterentwicklung der technischen Grundausstattung der Oberschulen der DDR. Berlin: Volk und Wissen.