‚Bildung für Alle'- Eigen- und Fremdbilder bei der Produktion und Zirkulation eines zentralen Mythos im transnationalen Raum

Über das Bildungssystem der DDR existierte im internationalen Raum die Vorstellung eines leistungsfähigen sozialistischen Bildungssystems. Zentral war dabei die Idee einer ‚Bildung für Alle‘, d. h. einer verwirklichten Chancengleichheit für alle Menschen. Dieses Projekt fragte: was passierte im Kontext von internationalen Bildungskooperationen mit diesem Slogan? Welche eigenen und fremden Lesarten eine ‚Bildung für Alle‘ werden sichtbar?

Gegenstand der Untersuchungen zum ‚Bildung für Alle‘ waren die Ausprägungen eines vielseitig zu verwirklichenden Bildungsanspruchs für alle Bürgerinnen und Bürger nicht nur in der DDR, sondern auch in anderen Staaten mit Interesse an sozialistischen Bildungsentwürfen. Zur punktuellen Darstellung des weitgefächerten internationalistischen Bildungsprogramms der DDR (Müller, 1995) wurden drei Fallstudien ausgewählt, welche durch ihre historische, sozio-ökonomische, politisch-ideologische sowie schlicht geographische Kontrasthaftigkeit die Vielfalt der Bildungskooperationen der DDR illustrieren können. Entsprechend dieser Orientierung, arbeitete das Projekt transnational-komparatistisch und kontrastiv mit den drei Fallkonstruktionen: DDR-Mosambik, DDR-Nicaragua und DDR-Finnland.

Dabei steht der Fall Finnlands für eine intensive Zusammenarbeit der DDR mit einem nicht-sozialistischen, europäischen Land, welches sich dennoch im Kontext interner Bildungsreformdiskurse für das DDR-Bildungssystem interessierte, ohne jedoch den Kontakt zu bildungspolitischen Counterparts aus der BRD zu vernachlässigen (Hentilä, 2006, 2012). Zum anderen sollten in den Fällen von Mosambik und Nicaragua zwei Hauptzielländer der DDR-Bildungshilfe untersucht werden, die jedoch auf zwei verschiedenen Kontinenten liegen und unterschiedliche Kontexte bildeten. Während Mosambik ein post-koloniales Bildungssystem im staatlichen Aufbau darstellt und mit einer marxistisch-leninistischen Ausrichtung in Afrika einherging (Castiano, 1997), befand sich Nicaragua in einem dynamischen revolutionären Prozess mit bereits vorhandenen staatlichen Bildungsansätzen in lateinamerikanischer Tradition (Carnoy & Torres, 1990).

Materialgrundlage für die Forschung boten Archivquellen aus den vier untersuchten Ländern sowie publizierte Zeitzeug*innenenberichte und eigene Zeitzeug*inneninterviews (vgl. von Plato, 2008). Die Auswertung erfolgte quellenkritisch und kontextualisierend, wobei der transnationale Austausch der beteiligten Länder und Bildungsakteur*innen über Konzeptionen und erstrebenswerte Ziele einer ‚Bildung für Alle‘ im Mittelpunkt stand. Die spezifischen Interessenlagen, bildungspolitischen Motivationen und auch politisch-ideologischen oder persönlichen Widerstände der beteiligten Bildungsakteur*innen aus der DDR, Finnland, Mosambik und Nicaragua wurden in die Analyse mit einbezogen. Dabei wurde die Verschränkung dreier Ebenen bedacht:

a) die strukturelle Ebene, welche die bilateralen Bildungskooperationen der DDR hauptsächlich durch nationale Institutionen vorformte;

b) die personelle Ebene, welche durch die involvierten Akteurinnen und Akteure die Praxis der Bildungskooperationen ausfüllte und ggf. umformte; sowie

c) die ideelle Ebene, in der sich Vorstellungen, Erzählungen und Mythen über eine ‚Bildung für Alle‘ in der DDR bildeten, bevor sie im transnationalen Raum kursierten, sich daraufhin entwickelten und bis heute Beharrungskraft erwiesen (z. B. Lambrecht, 2009).

Literatur
  • Castiano, J. P. (1997): Das Bildungssystem in Mosambik (1974–1996): Entwicklung, Probleme und Konsequenzen (Diss.). Hamburg: Universität der Bundeswehr.

  • Carnoy, M. & Torres, C. A. (1990): Education and Social Transformation in Nicaragua 1979-1989. In: Carnoy, M. & Samoff, J. (Hrsg.): Education and Social Transition in the Third World. Princeton: Princeton University Press, S. 315–358.

  • Hentilä, S. (2005): „Der Einfluss der DDR auf Finnland“. Vortrag am 16. Juni 2005 um 18 Uhr in der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv. (Abruf 15.06.2024: https://blogs.helsinki.fi/shen...).

  • Lambrecht, W. (2009): Von Finnland lernen, heißt von der DDR lernen? In: Großbölting, T. (Hrsg.): Friedensstaat, Leseland, Sportnation? DDR-Legenden auf dem Prüfstand. Bonn: Links, S. 289–303.

  • Müller, H. M. (1995): Die Bildungshilfe der Deutschen Demokratischen Republik. Frankfurt a.M.: Peter Lang.

  • Von Plato, A. (2008): Medialität und Erinnerung. Darstellung und „Verwendung“ von Zeitzeugen in Ton, Bild, und Film. In: BIOS – Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufanalysen, 21, 1, S. 79–92.

Ergebnisse

Ein zentraler Bildungsmythos im Rahmen des sozialistischen Gesellschaftsentwurfs der DDR war der einer verwirklichten ‚Bildung für Alle‘.

Team
Prof. Dr. Marcelo Caruso Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Erziehungswissenschaft
Abteilung für Historische Bildungsforschung
Orcid-Nr.: 0000-0001-5058-3089
marcelo.caruso@hu-berlin.de
PD Dr. Jane Weiß (ehem. Schuch)

Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Erziehungswissenschaft
Abteilung für Historische Bildungsforschung

jane.weiss@hu-berlin.de
Alexandra Piepiorka, M.A.

Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Erziehungswissenschaft
Abteilung für Historische Bildungsforschung
Orcid-Nr.: 0009-0001-1028-5367

alexandra.piepiorka@hu-berlin.de