Antifaschistische Gründung
Der antifaschistische Gründungsmythos gehörte zum Selbstverständnis der DDR. Er war für das System sehr wichtig. Der Mythos besagt, dass Faschismus-Gegner aus der Hitlerzeit die DDR gegründet haben. Und dass man deren Werten auch weiterhin verpflichtet sei. Die DDR wollte diese Werte beibehalten. Die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit konzentrierte sich auf politische Gegner. Die Arbeiterklasse galt als grundsätzlich antifaschistisch und die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) als einzige wahre „Spitze aller deutschen Antifaschisten“. Die Geschichte besagt, dass die Bevölkerung aus eigenem Antrieb den antifaschistischen, sozialistischen Staat DDR aufgebaut hat.
Dabei erforschten wir im Projekt pädagogisches Wissen und Fachwissen, Weiterbildung und den Austausch der Lehrkräfte untereinander, soweit es mit dem vorliegenden Material möglich war. Die Arbeitsstelle Pädagogische Lesungen der Universität Rostock untersuchte in Einzeluntersuchungen verschiedene Themen des DDR-Bildungswesens. Für die Erkenntnisse zur Antifaschistischen Gründung der DDR wurden Dokumente und wissenschaftliche Bücher zum Deutschunterricht und dem Fach Wehrerziehung ausgewertet. Und auch Vorgaben für die Lehrpläne und Anleitungen in den Unterrichtshilfen.
Im Deutschunterricht sollte der antifaschistische Gründungsmythos stärker über gefühlsbetonte Überzeugungen und Geschichten vermittelt werden. Der Deutschunterricht sollte nicht offen politisch, sondern eher über Gefühle eine Bindung an den Antifaschismus vermitteln. Und er sollte Sympathie für diejenigen wecken, die dem Nazi-Regime Widerstand geleistet hatten.
Bildung für Alle
Ein wichtiger Mythos über Bildung in der DDR war die ‚Bildung für Alle‘. Sie macht deutlich, wie sich der sozialistische Staat selbst sah und was seine Werte waren.
‚Bildung für Alle‘ war das Ideal und der Leitgedanke der Bildungspolitik. Das galt für die DDR und ihre vielen internationalen Bildungskooperationen. In den Jahren 1946, 1959 und 1965 gab es in der DDR mehrere Schulreformen. Die Umsetzung der Reformen wurde im Ausland mit großem Interesse verfolgt. Im Laufe der Zeit entwickelte sich ein pädagogischer Austausch zwischen der DDR und Ländern in der ganzen Welt. Bis in die späten 1980er-Jahre hatte die DDR ein Programm mit internationalen Bildungskooperationen. Das waren Kooperationen mit Mosambik, Angola, Äthiopien, Vietnam, Kuba, Ägypten und Nicaragua und anderen Ländern.
Im Forschungsprojekt haben wir untersucht, wie ‚Bildung für Alle‘ in diesen Kooperationen umgesetzt werden sollte. Die internationalen Zusammenarbeiten fanden unter sehr unterschiedlichen Bedingungen statt. In manchen beteiligten Ländern veränderte sich die Gesellschaft während der Zusammenarbeit. Beispiele dafür sind der Befreiungskampf von der Kolonialmacht Portugals in Mosambik und die Revolution gegen die Diktatur in Nicaragua. In einigen skandinavischen Ländern gab es auch große Bildungsreformen, zum Beispiel in Finnland. Die Partnerländer übernahmen einzelne Bildungskonzepte aus der DDR. Die Gründe dafür waren unterschiedlich. Bei manchen war es das Interesse an den Ideen zur Erziehung. Bei anderen passte das politische Konzept und das Weltbild. Aber das DDR-Bildungssystem wurde nie vollständig übernommen.
Der internationale Austausch über ‚Bildung für Alle‘ hatte in der DDR selbst starke Wirkung. Im Ausland bekam die Bildungspolitik viel Anerkennung. Das zeigte den Bürgern, dass die Ideen und Ansätze auch außerhalb ihres Staates für andere Länder interessant und wichtig waren. Dadurch sollte die Verbundenheit und der Zusammenhalt in der DDR gestärkt werden.
Gemeinschaft
In der DDR waren Gemeinschaften sehr wichtig. Zum Beispiel die Schulklassen oder Gruppen bei den Jungen Pionieren und der FDJ. Hier im Text werden diese Gruppen Kollektive genannt.
Wenn Zeitzeug*innen in Interviews das eigene Leben beschreiben, ist die Zugehörigkeit zu Gruppen oft ein wichtiges Thema. Die Beschreibungen des Lebens nennt man Biografien. Im Projekt haben wir biografische Interviews untersucht. Die Interviews wurden während der Zeit der DDR, kurz danach und bis zu 20 Jahre nach der Wiedervereinigung geführt. Es wurden Personen befragt, die in den späten 1920er-Jahren bis zu den frühen 1980er-Jahren geboren wurden. Teilweise wurden mit denselben Personen bis zu drei Interviews im Abstand von einigen Jahren geführt. Die Ergebnisse aus diesen Interviews zeigen: Wie Menschen ihre eigene Biografie im System der DDR darstellen, kann sich im Lauf ihres Lebens verändern. In unserer Gesellschaft hat sich die Sicht auf die DDR mit der Zeit verändert. Das hat Einfluss darauf, wie Menschen ihr Leben erzählen. Vieles aus dieser Zeit wird heute negativer bewertet. Davon will man sich in der Erzählung des eigenen Lebens abgrenzen.
Im Forschungsprojekt wurden drei Fälle genau untersucht. Wir wollten wissen, wie sich die Geschichten von Gemeinschaftserfahrungen in der DDR in den Erzählungen der Lebensgeschichten wiederfinden. Dabei haben wir herausgefunden, dass die Wirkung der Mythen auf die eigene Geschichte unterschiedlich ist. Es gibt Mythen über die Kollektive in der DDR und über die eigene politische Zugehörigkeit. In manchen Berichten werden die Gemeinschaften überhöht und besser dargestellt. Das schützt diese Gemeinschaften in den erzählten Erinnerungen vor Kritik oder Widersprüchen. So werden sie zu Mythen. Und dadurch werden die Erinnerungen geprägt. Sie werden zu unangreifbaren Wahrheiten.
Geschlechtergerechtigkeit
Die Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern war ein Versprechen des Sozialismus. Sozialismus ist eine politische Weltanschauung, in der alle Menschen gleich sein und die gleichen Chancen haben sollen. Deshalb stand in der Verfassung der DDR das Gebot der Gleichberechtigung. Dieses Gebot der Gleichheit und Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern war wichtig für das Selbstverständnis des Staates der DDR. Trotzdem gab es Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern, vor allem für die Frauen. In der DDR waren sehr viele Frauen berufstätig. Meistens waren die Frauen aber neben dem Beruf auch noch allein für die Kinder und den Haushalt zuständig. Es gab also eine große Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Im Alltag der Menschen in der DDR gab es keine Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern.
In diesem Forschungsprojekt haben wir Kinderbücher und Schulbücher untersucht. Die Bücher sollten bei der Erziehung der Kinder im Sozialismus helfen. Wir wollten herausfinden, ob Frauen und Männer in den Büchern gleichberechtigt dargestellt sind. Die Bücher sollten in der DDR auch die Gleichberechtigung der Geschlechter vermitteln. Aber im Vordergrund standen Männer und ihre Berufe. Frauen wurden oft als berufstätige Mütter dargestellt. Was sie tatsächlich beruflich machten, wurde nicht konkret gesagt. Ausnahmen waren Lehrerinnen, Erzieherinnen oder Frauen, die Dienstleistungen erbrachten, wie zum Beispiel Friseurinnen. Die ungleiche Verteilung der Aufgaben in der Familie wurde in den Büchern nicht gezeigt. Und auch die Doppelbelastung von Frauen durch Beruf und Arbeit in der Familie war kein Thema. Bei dem Vergleich von Schulbüchern und Kinderbüchern haben wir herausgefunden, dass es in Kinderbüchern der DDR möglich war, Kritik an der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zu üben. Das lässt sich besonders gut anhand der Bilder in den Kinderbüchern sehen.
Politischer Einfluss auf Kinder und Jugendliche in der DDR
Heute erfahren Kinder und Jugendliche das meiste über die DDR aus Gesprächen in der Familie. In der Grundschule wird für die erste Beschäftigung mit der DDR in Schulbüchern oft vorgeschlagen, Zeitzeug*innen zu ihren Erinnerungen zu befragen. Das sind Menschen, die in der DDR groß geworden sind. Wir wussten bisher nicht, was die Zeitzeug*innen den Kindern und Jugendlichen erzählen und wie diese Gespräche genau verlaufen. Wie beschreiben Zeitzeug*innen ihre Kindheit in der DDR im Vergleich zur Kindheit heute? Und was ist für die Erzählenden dabei besonders wichtig?
Wir haben dazu eine Fallstudie gemacht: eine Untersuchung zu den Gesprächen über Kindheitserinnerungen zwischen Kindern und älteren Menschen aus der DDR. Die beteiligten Kinder haben die Fragen in den Interviews selbst entwickelt. Im Mittelpunkt standen dabei die Erzählungen der Zeitzeug*innen. Alle Interviews wurden ausgewertet. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Zeitzeug*innen mit unterschiedlichen Absichten in die Gespräche gehen und den Kindern gezielt etwas mitgeben möchten. Ein Thema taucht besonders häufig auf: Die Zeitzeug*innen sprechen oft über die Unterschiede zwischen ihrer eigenen Kindheit und der Kindheit heute. Zum Beispiel bei den Themen Wohnen, Freizeit, Reisen und Schule. Im Mittelpunkt der erzählten Erinnerungen steht, wie sie als Kind den Alltag erlebt haben. Dabei beschreiben sie ihre Kindheit als eine schöne und freie Kindheit. Sie fühlten sich von Erwachsenen unbeobachtet. Sie erwähnen dabei selten, dass sie im Kindergarten, in der Schule und bei den Pionieren auch politisch geprägt wurden. Pioniere waren Jugendgruppen in der DDR; fast jedes Kind gehörte dazu. Über die politische Erziehung wird fast nichts erzählt.
Die Erzählungen über die Kindheit in der DDR sagen wenig über die DDR und den politischen Einfluss auf Kinder und Jugendliche. Wir wollen herausfinden, ob wir etwas übersehen. Vielleicht sind die Erzählungen unpolitisch, weil es dabei um die Kindheit in der DDR geht. Oder es liegt daran, wie sich diese Generation allgemein an ihre Kindheit erinnert. Darum werden wir in der 2. Förderphase die Geschichten über die Kindheit von Menschen in Westdeutschland untersuchen, die im geteilten Deutschland Kinder waren. Dadurch können wir die Erzählungen über die Kindheit auch für die Geschichte von ganz Deutschland betrachten und einordnen.
Wissenschaftlichkeit im Fachunterricht
Im Unterricht in der DDR sollten wissenschaftliche Inhalte vermittelt werden. Auch die Vermittlung von Kenntnissen und Fähigkeiten sollte nach wissenschaftlichen Prinzipien ausgerichtet sein. Schon während des Aufbaus des Bildungssystems wurde zielgerichteter Unterricht auf wissenschaftlicher Grundlage in Verordnungen festgeschrieben. Das Prinzip der Wissenschaftlichkeit in den 1950er-Jahren im Bildungssystem der DDR richtete sich dabei sich gegen reformpädagogische Bildungskonzepte und Konzepte der Volksbildung aus der Zeit der Weimarer Republik (1918-1933). Das Prinzip der Wissenschaftlichkeit prägte für die nächsten Jahrzehnte den allgemeinbildenden Unterricht.
Im Projekt haben wir viele DDR-Videoaufzeichnung von Unterricht in Naturwissenschaften, Deutsch und Fremdsprachen gesichtet und ausgewertet. Die darin erkennbare Schulkultur und die Inhalte des Unterrichts wurden vor dem Hintergrund der allgemeinen Entwicklungen in der DDR betrachtet. Dabei wurden auch Dokumente angeschaut, die bei der Erstellung von Lehrmaterialien entstanden sind, zum Beispiel Videos und Schulbücher. Auch Vorgaben für Lehrpläne und politische Ansprüche wurden mit einbezogen. Dabei kam heraus, dass oft nicht getrennt wurde zwischen den Aussagen der Wissenschaft und den politischen Entscheidungen der Partei SED. Auf diese Weise wurden politische Entscheidungen als wissenschaftlich richtig dargestellt. Durch die vielen Vorgaben war es schwer, dies im Unterricht grundlegend in Frage zu stellen.
Der Mythos der Wissenschaftlichkeit von Schule und Unterricht hat eine lange Geschichte. Oft bezieht man sich auf eine Idee einer reinen, politisch neutralen Wissenschaft. Pädagogische Wissenschaftler, Wissenschaftlerinnen und Lehrkräfte haben sich nach dem Ende der DDR deshalb häufig auf Wissenschaftlichkeit bezogen, um sich gegen Vorwürfe zu verteidigen.
Wissenschaftlichkeit und Naturwissenschaft
In der DDR wurde auch im naturwissenschaftlichen Unterricht Wissen durch Lehrfilme vermittelt. Diese Filme hatten auch politische Botschaften. Unterrichtsfilme galten in der DDR als besonders wirksam, um weltanschauliche Haltungen zu vermitteln.
Die Kinder sollten möglichst früh an Wissenschaftlichkeit herangeführt werden. Das war ein Ziel der Schulpolitik der DDR. Zwischen 1965 und 1972 wurden die Lehrpläne überarbeitet. Der Fachunterricht sollte inhaltlich und methodisch wissenschaftlichen Grundsätzen folgen und das sozialistische Denken schulen.
Im Forschungsprojekt wurde untersucht, wie diese sozialistische Wissenschaftlichkeit in Unterrichtsfilmen dargestellt und vermittelt wurde. In den Filmen wurden wissenschaftliche Umgebungen wie Labore oder Aufbauten von Experimenten gezeigt. Durch Diagramme, Formeln, Schaltpläne oder Darstellungen von naturwissenschaftlichen Modellen wurde naturwissenschaftliches Wissen abgebildet. Grundsätzlich wurde in den Filmen die Autorität der Naturwissenschaft betont. Die wissenschaftlichen Inhalte wurden als objektive und neutrale Tatsachen dargestellt. Das wurde durch die naturwissenschaftlichen Methoden in Experimenten, Fachsprache und Bezüge zu Alltagsleben und Wirtschaft in den Unterrichtsfilmen gefestigt.