Jugendweihe

Das Jugendalter gilt als Schwellenphase zwischen Kindheit und Erwachsenenstatus. In modernen Gesellschaften vollziehen Heranwachsende den Übergang von der Jugend in das Erwachsenenalter weitgehend in eigener Regie. Gleichzeitig finden sich in der Ausgestaltung immer auch Elemente klassischer Initiationsrituale (Friebertshäuser, 2009, S. 188). Innerhalb der DDR war v. a. die Jugendweihe eine zentrale Sozialisationsinstanz.

Die Jugendweihe wurde „1954 mit großem Propagandaaufwand als Bekenntnis zum Staat und seiner Ideologie eingeführt“ (Kauke-Keçeci, 2002, S. 212). Sie wurde binnen kürzester Zeit durchgesetzt. 1955 nahmen nur 17,7 Prozent pro Jahrgang an ihr teil, 1961 schon 90,3 Prozent, 1989 fast 98 Prozent aller Jugendlichen (vgl. ebd.; Bickelhaupt, 2015). Der Anteil jener, die zur Konfirmation oder Firmung gingen, sank im Laufe der Zeit, auch wenn es immer Jugendliche gab, die an der Jugendweihe und der Konfirmation bzw. Firmung teilnahmen, welche, die nur am christlichen Glaubensbekenntnis mitwirkten und einige wenige, die bei keinem der Jugendriten dabei waren.

Die Jugendweihe war seit ihrer Einführung ein „wichtiger Bestandteil des antikirchlich ausgerichteten Bildungssystems im Sinne der SED und stand in direkter Konkurrenz zur Konfirmation. Das Gelöbnis wurde zum Treueeid auf den Staat“ (Brunotte, 1999, S. 144). Im Frühling eines jeden Jahres versammelten sich nach einer einjährigen Vorbereitungsphase auf den Festakt die Achtklässler*innen in festlicher Abendgarderobe in ihren Kulturhäusern und Theatern, um sich dann aufgerufen auf die Bühne zum SED-Staat und seiner Politik zu bekennen. Auf der Jugendweihe vorgelesen wurden die am 10. Juli 1958 auf dem V. Parteitag der SED erstmals von Walter Ulbricht verkündeten 10 Gebote für den neuen sozialistischen Menschen. Während der Jugendweihe wurde jedes Gebot einzeln verlesen und ritualisiert im Chor von den Achtklässler*innen mit „Ja, das geloben wir“ (verunglimpft in „Ja. Das globen wir“) bestätigt. Bekannt wurde sich z. B. dazu, sich „stets für die internationale Solidarität der Arbeiterklasse und aller Werktätigen sowie für die unverbrüchliche Verbundenheit aller sozialistischen Länder“ einzusetzen (1. Gebot), sauber und anständig zu leben und die eigene Familie zu achten (9. Gebot) oder sich in „Solidarität mit den um ihre nationale Befreiung kämpfenden und den ihre nationale Unabhängigkeit verteidigenden Völker[n zu] üben“ (10. Gebot). Nach dem Bekenntnis bekam ein*e jede*r auf der Bühne eine mit Nelken überreichte Urkunde mitsamt einer Jugendweiheschrift mit unterschiedlichen Titeln (u. a. „Weltall Erde Mensch“ (ab 1965), „Vom Sinn unseres Lebens“ (1983), „Der Sozialismus – Deine Welt“ (1974)). Die Inhalte der Bücher änderten sich über die Zeit und wurden aktuellen Entwicklungen angepasst. Immer aber ging es um die Darstellung eines umfassenden „System[s] der Natur und der Gesellschaft nach marxistisch-leninistischem Muster“ (Wolle, 2005).

Den meisten Teilnehmer*innen sind v. a. die Familienfeste sowie die zahlreichen Geldgeschenke in Erinnerung geblieben, von denen sie sich z. B. ihre erste Simson oder einen Doppelkassettendeckrekorder kauften (vgl. Lehmann, 2022). Die Jugendweihe war innerhalb der DDR also eine festliche Initiation, die den sozialistisch geprägten Übergang ins Erwachsenenalter markierte.

Literatur

Bickelhaupt, T. (2015): Jugendweihe. Wie die SED gegen Kirche und Konfirmation kämpfte. In: Welt. (Abruf 24.05.2025: https://www.welt.de/geschichte...)

Brunotte, U. (1999): Jugendweihe. In: Auffarth, C./ Bernard, J./ Mohr, H. (Hrsg.): Metzler Lexikon Religion. Band 2: Gegenwart – Osho – Bewegung. Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler, S. 143–145.

Friebertshäuser, B. (2009): Statuspassagen und Initiationsrituale im Lebenslauf. Krisen und Chancen. In: Behnken, I. & Mikota, J. (Hrsg.): Sozialisation, Biografie und Lebenslauf. Eine Einführung. Weinheim/München: Juventa, S. 182–204.

Kauke-Keçeci, W. (2002): Kulturkonstitution durch Ritualtexte. Am Beispiel der semiotischen Analyse der ostdeutschen Jugendweihe. In: Steger, F. (Hrsg.): Kultur: ein Netz von Bedeutungen. Analyse zur symbolischen Kulturanthropologie. Würzburg: Königshausen & Neumann, S. 207–226.

Lehmann, S. (2022): Jugendpolitik in der DDR – Anspruch und Wirkung ausgewählter Bildungsmaßnahmen. In: Benecke, J. (Hrsg.): Erziehungs- und Bildungsverhältnisse in der DDR. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S. 227–246.

Wolle, S. (2005): Aufbruch in der Stagnation. Die DDR in den Sechzigerjahren. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.