Jugend und Jugendkultur

„Ein herausragendes Ergebnis der revolutionären Wandlungen bei der Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft in der DDR sind die Herausbildung und Erziehung neuer, sozialistischer Generationen der Jugend. Die Befreiung der Jugend vom ideologischen Erbe des Faschismus, vom Nationalismus und Chauvinismus, und ihre Erziehung im Geiste des Sozialismus und der Völkerfreundschaft gehören zu den großen geschichtlichen Leistungen der von der Ausbeutung befreiten Arbeiterklasse und der anderen werktätigen Klassen und Schichten unseres Landes“, schreibt das Autorenkollektiv des Buches „Sozialstruktur der DDR“ 1988 (S. 329).

Dem Jugendgesetz der DDR entsprechend „stimmen [in der Deutschen Demokratischen Republik] die grundlegenden Ziele und Interessen von Gesellschaft, Staat und Jugend überein. Geführt von der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, haben die Arbeiterklasse, alle anderen Werktätigen und die Jugend den Staat der Arbeiter und Bauern geschaffen. Gemeinsam gestalten sie die Deutsche Demokratische Republik, ihr sozialistisches Vaterland“ (Präambel im Jugendgesetz der DDR 1974).

Der Jugend anzugehören, hieß bei aller „soziale[r] Differenziertheit“ (Autorenkollektiv, 1988, S. 339) „Staatsjugend“ zu sein (Werner, 2018, S. 83). Im engeren Sinne gehörten zur Jugend die „Generation der Heranwachsenden“ „im Alter vom 14. bis zum vollendeten 25. Lebensjahr“ (Autorenkollektiv, 1988, S. 331, 328). Die meisten traten der FDJ (der Freien Deutschen Jugend) bei, in der sie zur „Kampfreserve der Partei“ herangebildet werden sollten (Ohse, 2009, S. 76). Die alltägliche Jugendarbeit war eng an die Schule gebunden. Es ging um die „ständige allseitige Förderung und umfassende Einbeziehung [der Jugend als Ganzes] in die weitere Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft“. Die Jugend galt als „aktiver Mitgestalter der entwickelten sozialistischen Gesellschaft“ (Autorenkollektiv, 1988, S. 329, 336).

Parallel zur von der SED erwünschten „Staatsjugend“ gab es (die Identität als Staatsjugendliche*n nicht unbedingt ausschließend) innerhalb der DDR zu jeder Zeit verschiedene jugendkulturelle Strömungen: in den 1950er Jahren die Szene der Halbstarken und Jazzer, in den 1960er Jahren die Beat- und Rock’n’Roll-Bewegung und weiter die Bewegung der Halbstarken (Mey, 2018, S. 9), in den 1960er und 1970er Jahren die „Kunden“, „Typen“, „Gammler“, Rocker und Blues-Fans (Werner, 2018, S. 86f.), in den 1980er Jahren die Punker, Heavy Metaller, Popper, Rocker, Grufties, Waver, Skinheads oder HipHopper (Bundesstiftung für Aufarbeitung, 2024). Die Szenenzugehörigkeit war in der DDR fließend – sie war häufig ein Pendant zu westdeutschen Bewegungen. Es ging um jugendliche Identitätssuche, Nonkonformismus, Ausgehen und Feiern, darum, Gleichgesinnte zu treffen und Musik zu hören, ggf. aber auch darum, im öffentlichen Straßenbild durch das äußere Erscheinungsbild aufzufallen. Dabei zeigten nur wenige Jugendliche systemoppositionelles Verhalten, war die Gefahr doch zu groß, sanktioniert oder gar inhaftiert zu werden (Werner, 2018, S. 85ff.). Denn die Jugend(kultur) stand im Spiegel der Staatspolitik und die Szenen wurden seitens der Staatssicherheit häufig überwacht. Immer wieder kam es bei den Jugendlichen dazu, dass sie die Politik der SED wie auch die Tätigkeit der FDJ nicht akzeptierten. Zu verschiedenen Zeitpunkten passte die Regierung ihr Verhalten den Jugendlichen gegenüber an. 1961 gründete die SED z. B. ein Jugendkommuniqué, um an die Interessen und Bedürfnisse der Jugendlichen anzuknüpfen. In unregelmäßigen Abständen wurden die „Weltfestspiele der Jugend und Studenten“ veranstaltet, 1964 der Radiosender DT64 gegründet wie auch das Deutschlandtreffen der Jugend ausgerichtet. Ab den 1980er Jahren wurden seitens der FDJ verschiedene Konzerte mit Größen des Pops und Rocks aus der Bundesrepublik, Großbritannien oder den USA veranstaltet (vgl. Skyba, 2022). Immer ging es darum, die Jugend für den Staat zu gewinnen, ihnen alterstypische Angebote anzubieten, sie aber auch in Schach zu halten.

Literatur

Autorenkollektiv (1988): Sozialstruktur der DDR. Berlin: Dietz Verlag.

Ohse, M.-D. (2009): „Wir haben uns prächtig amüsiert“. Die DDR – ein „Staat der Jugend“? In: Großbölting, T. (Hrsg.): Friedensstaat, Leseland, Sportnation. DDR-Legenden auf dem Prüfstand. Berlin: Bundeszentrale für politische Bildung, S. 74–91.

Mey, G. (2018): Szenen aus der DDR – Einblicke in jugendkulturelle Bewegungen. In: Mey, G. (Hrsg.): Jugendkultur in Stendal 1950-1990. Szenen aus der DDR. Portraits und Reflexionen. Berlin: Hirnkost, S. 7–32.

Skyba, P. (2022): Freie Deutsche Jugend (FDJ) – SED-Jugendpolitik in der DDR. In: Benecke, J. (Hrsg.): Erziehungs- und Bildungsverhältnisse in der DDR. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S. 205–226.

Werner, S. (2018): „Kunde“ oder „Jugendfreund“ – Jugendkulturen jenseits der Offizialkultur. In: Mey, G. (Hrsg.): Jugendkultur in Stendal 1950-1990. Szenen aus der DDR. Portraits und Reflexionen. Berlin: Hirnkost, S. 83–90.