Die Freie Deutsche Jugend (FDJ), die sich 1946 unter der Leitung der SED-Parteiführung gründete, war innerhalb der DDR der einzig zugelassene Jugendverband. In der deutschen Geschichte hatte die FDJ keine konkreten Vorläufer. Eher orientierte sie sich am sowjetischen Jugendverband Komsomol (Skyba, 2022, S. 207). Zielgruppe der FDJ waren die 14- bis 25-Jährigen (ebd., S. 205). Zu den Mitgliedern gehörten v. a. Schüler*innen, Studierende und Wehrpflichtige. Auszubildende waren in geringerem Maße in der FDJ organisiert (Mählert, 2001, S. 56). In der Regel traten Mitglieder der Pionierorganisation nach der Jugendweihe fast automatisch der FDJ bei. Bereits Ende 1949 gehörten der FDJ fast eine Million Mitglieder und damit ca. ein Drittel der Jugendlichen der SBZ an (Ohse, 2009, S. 76). Bis Mitte der 1960er Jahre wuchs die Mitgliederzahl auf 56 Prozent. In den 1970er Jahren waren bereits 70 Prozent, in den 1980er Jahren 80 Prozent der Jugendlichen als Mitglieder in der Verbandsstatistik registriert (Mählert, 2001, S. 56).
Die FDJ galt als „Kampfreserve der Partei“ (Ohse, 2009, S. 76). Wie auch die Pionierorganisation verband sie Aufgabenbereiche im Bildungswesen und im Freizeitbereich. Ziel war die Erziehung der Jugend im Sinne des Sozialismus. Dazu gehörte das Heranziehen der Jugendlichen für „akute Aufgaben und für wirtschaftliche Projekte“ (vgl. Skyba, 2022, S. 205): Jugendliche wurden in größeren und kleineren Projekten dazu angehalten, sich am Aufbau des Sozialismus zu beteiligen, sei es z. B. durch den Bau von Erdölpipelines, Straßennetzwerken oder dem Wohnungsbau (Mählert, 2001, S. 30).
Die organisatorische Grundstruktur der FDJ entstand bis 1952 und blieb mit geringen Anpassungen während der gesamten DDR-Geschichte erhalten. Die in mehrjährigen Intervallen stattfindende Delegiertenversammlung sollte den hierarchischen Aufbau als scheinbar demokratischen legitimieren. Der Zentralrat verlieh als formales Repräsentationsorgan den Entscheidungen der Führung zusätzliche Autorität. Die tatsächliche Macht lag jedoch beim Sekretariat des Zentralrats, das ausnahmslos mit SED-Mitgliedern besetzt war und über einen umfassenden, nach Aufgabenbereichen strukturierten Verwaltungsapparat verfügte. Sämtliche grundlegende Entscheidungen des Sekretariats mussten vor ihrer Verabschiedung von der SED-Führung autorisiert oder beauftragt werden (vgl. Skyba, 2022, S. 209f.).
Für die FDJ-Organisator*innen war es eine Herausforderung, diese staatspolitische Einbindung sowie die damit einhergehenden Vorhaben und Anforderungen in Einklang mit den genuinen Interessen der Jugendlichen zu bringen. „[D]ie partielle Integration von Interessen und Bedürfnissen ihrer Klientel“, so formuliert es Skyba, wurde „eine unverzichtbare Voraussetzung für Organisationsbindung und damit für die Ansprechbarkeit und Mobilisierbarkeit der Zielgruppe“ (ebd., S. 206). Dieser Umstand spitzte sich z. B. 1953 zu, nachdem klar wurde, dass unter den Demonstrierenden und Aufständigen des 17. Juni Jugendliche überproportional vertreten waren (Skyba, 2000, S. 243ff.). Entsprechend sollten fortan die Interessen der Jugendlichen mehr Berücksichtigung und die Jugendlichen selbst mehr Gestaltungsspielräume erhalten. So wurden u. a. Chöre, Laienspiel- und Tanzgruppen gegründet, seit 1964 gab es in unterschiedlichen Abständen die „Weltfestspiele“ und im selben Jahr gründete sich der Radiosender DT64. In den 1980er Jahren versuchte man auch durch für Jugendliche vermeintlich besonders attraktive Freizeitangebote – etwa Konzerte von Größen aus der Pop- und Rockwelt aus der Bundesrepublik, Großbritannien und den USA – Einfluss auf die Jugendlichen zu nehmen (Skyba, 2022, S. 223).
Das „Spannungsverhältnis zwischen der Exekution jugendpolitischer Vorgaben der SED-Führung einerseits und der Integration jugendlicher Interessen andererseits“ (ebd., S. 206) wirkte, in unterschiedlichen Ausprägungen und Phasen, durch die gesamte DDR-Geschichte hindurch. In den Biografien von DDR-Bürger*innen kommt der FDJ zum Teil eine wichtige Rolle zu, war doch über eine Mitgliedschaft und Teilnahme an Aktivitäten Vergemeinschaftung und Bildung möglich. Gleichwohl wurde die Organisation aber auch kritisch erlebt, weil sie mit Zwängen einherging und politische Botschaften propagierte.
Literatur
Mählert, U. (2001): FDJ 1945–1989. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen. (Abruf 18.04.2024: https://www.lztthueringen.de/m...).
Ohse, M.-D. (2009): „Wir haben uns prächtig amüsiert“. Die DDR – ein „Staat der Jugend“? In: Großbölting, T. (Hrsg.): Friedensstaat, Leseland, Sportnation. DDR-Legenden auf dem Prüfstand. Berlin: Bundeszentrale für politische Bildung, S. 74–91.
Skyba, P. (2000): Vom Hoffnungsträger zum Sicherheitsrisiko. Jugend in der DDR und Jugendpolitik der SED 1949–1961. Köln/Weimar/Wien: Böhlau.
Skyba, P. (2022): Freie Deutsche Jugend (FDJ) – SED-Jugendpolitik in der DDR. In: Benecke, J. (Hrsg.): Erziehungs- und Bildungsverhältnisse in der DDR. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S. 205–226.