Im „Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem“ von 1965 wurde mit der Formulierung von der „Bildung und Erziehung allseitig und harmonisch entwickelter sozialistischer Persönlichkeiten“ (§1, Abs. 1) das übergreifende Ziel des sozialistischen Bildungssystems der DDR benannt. Die „sozialistische Persönlichkeit“ sollte sich durch ‚Treue zur SED‘, durch ‚Liebe zum Vaterland‘ der DDR und ‚zur Arbeit‘ sowie durch die ‚Bereitschaft zum Klassenkampf‘ auszeichnen. Die Herausbildung sozialistischer Persönlichkeiten stelle eines der „edelsten Ideale des Sozialismus“ dar (Laabs et al., 1987, S. 19). Trotz dieser klaren politischen Implikationen haftet der Formel zugleich etwas Unbestimmtes an. Dies betrifft die Vorgabe der ‚Allseitigkeit‘ sowie der ‚harmonischen Entwicklung‘, die auch an das Humboldt‘sche Bildungsideal aus dem 19. Jahrhundert anknüpfte. Genau diese Unbestimmtheit ermöglichte jedoch Formen der staatlichen Kontrolle und der spezifischen Auslegung bei der Verfolgung von Personen, die dem Ideal der „sozialistischen Persönlichkeit“ vermeintlich nicht entsprachen. Damit war die Erziehung zur „sozialistischen Persönlichkeit“ ein zentraler Bestandteil des Aufbaus des Sozialismus und seines Erziehungs- und Bildungssystems sowie der Hervorbringung des „neuen Menschen“ (Droit, 2014). In Texten zu Erziehung ist beispielsweise von der Erziehung eines „neuen Geschlechts“ unter Berufung auf Friedrich Engels (Brückner, 1976, S. 216) oder der „Erziehung zum neuen Verhältnis und Verhalten“ (Neubert, 1975, S. 102), befreit von den „Schlacken der Ausbeutergesellschaft“ (ebd., S. 30), die Rede. Neben der schulischen Bildung und Erziehung wurden auch die außerschulischen Bereiche der Kinder- und Jugendorganisationen der DDR, d.h. die Pionierorganisation „Ernst Thälmann“ und die Freie Deutsche Jugend (FDJ) in das Bildungssystem integriert. Sie alle einte das Ziel der „Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit“. Dies betraf auch das gesamte Spektrum der Bildungsmedien, die zur Erziehung der „sozialistischen Persönlichkeit“ beitragen sollten (Baader/Koch/Neumann, 2025 i.E.).
In der Schule bedeutete diese Zielvorgabe eine Orientierung an der offiziellen staatlichen Lehre des Marxismus-Leninismus. Auch wenn den Lehrkräften in den einzelnen Unterrichtsfächern ein gewisser Spielraum in der Umsetzung und Gestaltung blieb, war normabweichendes Verhalten für Schüler*innen oft mit Repressionen verbunden. Auch Disziplinarmaßnahmen wie Heimeinweisungen oder Schulverweise konnten Folgen sein. Inwiefern die Erziehung zur „sozialistischen Persönlichkeit“ im Sinne der SED wirksam war, wurde von Wissenschaftler*innen erforscht, das Ministerium für Volksbildung hingegen kontrollierte diesbezüglich die Schule und den Unterricht und das Ministerium für Staatssicherheit observierte seit Mitte der 1960er Jahre die Jugendszene. Aus Sicht der SED blieb die Herausbildung „allseitig entwickelter sozialistischer Persönlichkeiten“ trotz aller Bemühungen bis zum Ende der DDR defizitär, denn die Umsetzung der theoretisch-ideologischen Vorgaben in die gesellschaftliche und pädagogische Praxis war problematisch und ließ sich bis zur ‚Friedlichen Revolution' nicht einlösen.
Literatur
Baader, M. S./Koch, S./Neumann, F. (2025): Die Zukunft des sozialistischen Kindes. Zur öffentlichen und privaten Erziehung in Bildungsmedien der DDR. In: Betz, T.& Cloos, P. (Hrsg.): Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern zwischen privater und öffentlicher Verantwortung. Weinheim: Beltz (i. Vb.).
Brückner, H. (1976): Denkst Du schon an Liebe? Berlin: Kinderbuchverlag.
Droit, E. (2014): Vorwärts zum neuen Menschen? Die sozialistische Erziehung in der DDR (1949-1989). In: Bösch, F./ Sabrow, M./ Leibniz-Zentrum für zeithistorische Forschung (Hsrg.): Zeithistorische Studien, 54. Köln: Böhlau.
Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem (1965). (Abruf 22.04.2024: https://ghdi.ghi-dc.org/sub_do...).
Irmscher, J. (1976): Das Ideal der allseitig entwickelten Persönlichkeit. Seine Entstehung und sozialistische Verwirklichung. In: Schriften der Winckelmann Gesellschaft, Bd. 3. 1. Aufl. Berlin: Akademie-Verlag.
Laabs, H. J./ Dietrich, G./ Drefenstedt, E./ Günther, K.-H ./ Heidrich, T./ Herrmann, A./ Kienitz, W./ Kühn, H./ Naumann, W./ Pruß, W./ Sonnschein-Werner, C./ Uhlig, G. (Hrsg.) (1987): Pädagogisches Wörterbuch. Berlin: Volk und Wissen.
Neubert, R. (1967/1975): Das Kleinkind. Zur Erziehung in der Familie. 6. bearb. Aufl. Berlin: Volk und Wissen.